Irgendwo zwischen Router und Wäschekorb steht bei mir ein kleiner Computer, ungefähr so gross wie ein dickes Buch. Der läuft. Immer. Tag und Nacht, seid ein paar Monaten.
Er ist praktisch lautlos und ich schau ihn vielleicht einmal im Monat wirklich an. Trotzdem läuft inzwischen fast alles über ihn was ich digital so mache.
Wenn ich Leuten davon erzähle kommt immer die gleiche Frage: wieso denn? Das gibts doch alles fertig, meistens sogar gratis. Stimmt ja. Genau da fängts aber an.
Wie ich da reingerutscht bin
Ich hab irgendwann mal nachgeschaut was von mir eigentlich alles bei den grossen Anbietern liegt. Fotos von zehn Jahren. Der ganze Kalender. Kontakte, Notizen, Dokumente, die halbe Steuererklärung. Nichts davon war geheim, aber es war eben auch nicht bei mir. Es lag auf Rechnern die jemand anderem gehören, zu Bedingungen die sich jederzeit ändern können, und ich zahl auch noch monatlich dafür.
Und dann kam dieser Moment, den kennt glaub jeder: «Ihr Speicherplatz ist fast voll.» Man soll doch bitte das nächstgrössere Abo nehmen.
Ich hab dann ausgerechnet was ein gebrauchter Rechner kostet. Und dann hab ich einen gekauft.
Was da eigentlich läuft
Mittlerweile sind es zwei Geräte, der kleine der immer läuft und ein grösserer mit richtig Festplattenplatz für alles was viel Platz braucht. Darauf laufen um die fünfzig kleine Programme, jedes macht genau eine Sache. Klingt nach mehr als es ist, die meisten tun einfach still ihren Dienst. Die wichtigsten:
Fotos. Die Galerie auf meinem Handy lädt neue Bilder nicht mehr in die Cloud von irgendwem, sondern zu mir nach Hause. Bedienung ist fast identisch, Gesichter und Orte erkennt sie auch, sogar die „vor drei Jahren”-Rückblicke gibts. Nur das die Bilder halt hier bleiben.
Dateien, Kalender, Kontakte, Notizen. Läuft alles über ein Programm namens Nextcloud. Fühlt sich an wie Dropbox und Google Kalender in einem, das Handy synchronisiert ganz normal und meine Frau merkt keinen Unterschied. Was ehrlich gesagt das grösste Kompliment ist das so ein Projekt kriegen kann.
Filme und Serien. Ein eigener Streamingdienst für die Familie, mit Covern und weiterschauen wo man aufgehört hat. Eine alte Grafikkarte rechnet die Filme im Hintergrund passend fürs jeweilige Gerät um, damit es auch aufm Fernseher im Wohnzimmer flüssig läuft.
Papierkram. Der Teil auf den ich am meisten stolz bin, weil er mir echt Lebenszeit spart. Rechnung mitm Handy fotografieren, in einen Chat schicken, fertig. Zwei Minuten später ist sie eingelesen, mit Datum und Absender versehen, richtig einsortiert und im Volltext durchsuchbar. Ich muss nie wieder einen Ordner durchblättern um zu wissen was die Autoversicherung letztes Jahr gekostet hat.
Werbung. Der Dienst der meiner Familie am meisten aufgefallen ist, und zwar positiv. Werbung und Tracker werden fürs ganze Netzwerk blockiert bevor sie überhaupt ankommen. Auf jedem Gerät, auch aufm Fernseher und bei Besuch, ohne das irgendwer was installieren muss.
Dazu kommt der ganze langweilige Rest der so ein System erst brauchbar macht: ein Passwortmanager, eine eigene Suchmaschine, Sicherungen die jede Nacht laufen und einmal im Monat automatisch geprüft werden ob sie überhaupt lesbar sind. Und eine Überwachung die mir jeden Morgen um acht einen kurzen Bericht aufs Handy schickt. Was läuft, was nicht, wie voll die Festplatten sind, ob jemand versucht hat reinzukommen. Standartmässig meldet sie sich sofort wenn etwas abstürzt.
Warum eigentlich
Es geht mir nicht darum das ich was zu verbergen hätte. Das Argument nervt mich eh, weil es die Frage falsch rum stellt. Ich hab auch Vorhänge im Schlafzimmer, ohne dass ich dort was Verbotenes mache.
Ich will einfach wissen wo meine Sachen liegen und wer sie anfassen kann. Meine Fotos sind meine Fotos. Die alten Ägypter haben ihr Zeug in Stein gemeisselt und man kann es viertausend Jahre später noch lesen. Bei einem Cloud-Konto reicht ein automatisch gesperrter Account, bei dem du dann niemanden erreichst, und du kommst an nichts mehr ran. Wenn ich meine Bilder in zwanzig Jahren meinen Kindern zeigen will, will ich nicht davon abhängen ob es eine bestimmte Firma dann noch gibt.
Das zieht sich mittlerweile durch. Aufm Handy läuft kein normales Android mehr sondern eine Version ohne die Google-Dienste, aufm PC Linux statt Windows. Nicht weil ich Windows hasse, sondern weil ich irgendwann gemerkt hab, das ich bei jedem zweiten update wieder wegklicken muss was die Firma gerne von mir hätte.
Am ehrlichsten war in dem Zusammenhang eine Entscheidung die ich diesen Sommer wieder zurückgenommen hab. Ich hatte eine künstliche Intelligenz eingebaut die mir bei Serverproblemen helfen sollte, Fehlermeldungen lesen und so. War praktisch. Lief aber bei Google. Ausgerechnet für den Teil der alle meine Protokolle zu sehen kriegt wieder die Firma holen von der ich eigentlich weg wollte? Ging nicht auf. Ist wieder raus. Die Berichte schreibt jetzt ein stinknormales Programm ohne irgendeine Wolke, und ehrlich gesagt sind sie seitdem besser lesbar.
Und weils zur Ehrlichkeit dazugehört: bei der E-Mail bin ich gescheitert. Wollte ich auch selber betreiben, aber mein Internetanbieter blockiert dafür seit Jahren den nötigen Zugang und dagegen kommst du von zuhause aus nicht an. Da zahl ich jetzt lieber ein paar Franken im Monat an einen Schweizer Anbieter. Muss man auch mal einsehen können wann etwas keinen Sinn ergibt.
Wenn es kaputt geht, war es immer ich
Der Teil den man in solchen Texten selten liest, der aber die meiste Zeit frisst.
Im Juli ist mir der grosse Server nachts eingefroren. Ursache war ausgerechnet die automatische Sicherung, die hat die Systemfestplatte vollgeschrieben bis gar nichts mehr ging. Ich habs morgens um sieben gemerkt und den Rechner kalt neu gestartet, wie ein Höhlenmensch.
Ein anderes mal lief der Filmserver dreizehn Stunden nicht, weil sich nach einem Neustart eine interne Nummer der Grafikkarte um genau eins verschoben hatte. Sowas findest du nicht mit gesundem Menschenverstand. Sowas findest du um halb zwölf nachts in einer Protokolldatei, an einem Abend an dem ich eigentlich zocken wollte.
Und dann gibts noch die zuverlässigste Überwachung von allen: wenn der Werbeblocker streikt, steht innert zwei Minuten jemand aus der Familie in der Tür und fragt ob das Internet kaputt sei. Kein Alarmsystem der Welt ist so schnell.
Genau daraus hab ich am meisten gelernt. Fast alles was heute läuft, läuft so weil vorher mal was schiefging. Die Sicherungen liegen inzwischen woanders, die Überwachung meldet sich von selbst, es gibt einen zweiten Werbeblocker der einspringt wenn der erste ausfällt, und für jede grössere Panne steht aufgeschrieben was passiert ist und warum. Das Dokument ist mittlerweile länger als manche Semesterarbeit von mir.
Und jetzt?
Fertig wird sowas nie, das ist glaub der Punkt. Als nächstes kommt eine richtige Datensicherung ausser Haus. Im Moment liegen die Sicherungen nämlich noch im selben Zimmer wie die Originale, und bei einem Wasserschaden nützt mir das genau nichts.
Ausserdem hab ich erst diese Woche gemerkt das zwei von zehn Geräten seit Wochen keine Sicherheitsupdates mehr eingespielt hatten, weil ich sie beim Einrichten schlicht vergessen hab. Man baut sich eine Überwachung für alles Mögliche und übersieht dann das Naheliegende. Kommt in den besten Familien vor.
Falls dich sowas interessiert und du nicht weisst wo anfangen: ein alter Laptop reicht völlig. Man muss nicht mit zwei Servern anfangen. Ich hab auch mit einem einzigen Dienst angefangen und wusste damals nicht mal was die Hälfte der Begriffe bedeutet.